
Ich stamme aus einer frankophonen Familie, doch die beruflichen Wege meines Vaters führten uns in die Deutschschweiz, wo ich im Alter zwischen 5 und 16 Jahren lebte. Also sprach ich zu Hause Französisch und ausserhalb des Hauses Deutsch. Die Familie wohnte erst in Basel, dann in Zürich und Niederurnen, was die Laufbahn eines Pharmazeuten widerspiegelt, der bei Roche, Pfizer und Kern arbeitete. Die pharmazeutischen Fachausdrücke habe ich mir erst später während meines Engagements in der Berufspolitik und durch die Kontakte zu den Kollegen von jenseits der Saane angeeignet.
Sich von Ämtern zu trennen, bedeutet nicht, in Pension zu gehen und alles aufzugeben. Die Überzeugungen und Motivationen, die mich dazu brachten, mich für diesen Beruf, den ich liebe, zu engagieren, sind nach wie vor da. Ich führe die Aufgaben als Delegierte weiter, unterrichte in der Postgraduierten- Weiterbildung und in der Ausbildung für die Heimbetreuung und ich vertrete den SAV weiterhin in der Eidgenössischen Arzneimittelkommission. Aber ich möchte mich auch in anderer Weise engagieren: Ich möchte meine Erfahrungen weitergeben, die jungen Kollegen mit meiner Leidenschaft für den Beruf anstecken, meine Gedanken weniger von den Unbilden des Alltags beherrschen lassen. Das bedeutet also nur, in anderer Form zur Verfügung zu stehen, wenn es der SAV noch wünscht.
Das, was Sie als Talent bezeichnen, wurde mir leider nicht in die Wiege gelegt. Von Natur aus handle ich eher nach dem Grundsatz «alles oder nichts», wodurch ich mir nicht nur Freunde gemacht habe. Doch eine der Bereicherungen durch meine Tätigkeit im SAV war in der Tat die Erkenntnis und auch das Bedürfnis, einen Konsens mit den anderen erzielen zu müssen, zu lernen (ein wenig?) geduldig zu sein und einzugestehen, dass es zuweilen Zeit braucht, um Ideen durchzusetzen.
Ja. Durch meine Passion und Überzeugung, die mein Motor sind, habe ich es sicherlich manchmal an der nötigen Diplomatie fehlen lassen, doch meine Kritik entstammt einem Gefühl von Loyalität, Engagement und Verantwortungsbewusstsein für die Sache, für die ich mich einsetze. Voraussetzung der Kritik ist natürlich, dass man gleichzeitig Lösungsmöglichkeiten vorstellt.
Ich glaube, diese Frage können besser diejenigen beantworten, die mich in diese Aufgaben gewählt haben. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus allem, verbunden mit einer hohen Bereitschaft, die ich für meinen Beruf beschlossen habe aufzubringen.
In der Tat hat mich die Erfahrung gelehrt, dass es sich um einen ganz speziellen Partner handelt, für den die üblichen Regeln anscheinend nicht gelten. Die Einhaltung von Abmachungen scheint willkürlich von den Ereignissen und Gelegenheiten abzuhängen. Folglich bringt man freimütig wissentlich falsche Zahlen vor, um in der Öffentlichkeit Verhandlungsziele zu verkünden, von denen man weiss, dass die Gegenseite sie nicht akzeptieren wird. Eine seltsame Methode, die Leistungserbringer zur Mitarbeit und Verbesserung zu ermutigen, um gemeinsam befriedigende Lösungen zu finden, die auch den Interessen der Versicherten/ Patienten gerecht werden!
Das würde den Versicherten das Leben drastisch erschweren, da sie dann selbst ihre Apothekenrechnungen verwalten müssten. Ich denke insbesondere an Menschen mit schmalem Geldbeutel oder an ältere Menschen, die einer solchen Aufgabe geistig nicht mehr gewachsen sind. Die Apotheker verfügen über die erforderlichen Werkzeuge, für derartige Situationen, aber sie können nicht die Sozialdienste des Staates ersetzen, indem sie Kredite einräumen, die nie wieder zurückgezahlt werden.
Ich könnte die geschmacklosen Pressekampagnen, wie es sie beispielsweise in der Zeit der Kandidatur von Christiane Brunner für den Bundesrat gegeben hat, nur sehr schlecht ertragen. Im Übrigen befriedigt die Berufspolitik weniger persönliche Ambitionen als die Bürgerpolitik, da es weniger Ruhm zu ernten gibt. Sie führt vielmehr dazu, dass man sich seine Dienstbereitschaft und intellektuelle Aufrichtigkeit – die Grundlage eines Engagements für die Allgemeinheit – länger erhält.
In der Tat bin ich nach meinem Diplom in den 70er Jahren zum CAP gestossen. Der CAP proklamierte und praktizierte damals schon die Werte der Freundschaft und des Rechts auf freie Meinungsäusserung, die Voraussetzungen für Reflexion und Dynamik. Viele Apotheker haben sich hier ihre ersten Sporen verdient, bevor sie in den kantonalen Verbänden oder im SAV tätig wurden.
Ich war nicht Mitglied der Planungsgruppe, die mit dem Entwurf der Entwicklung der «Spezialisierung» beauftragt war. Ich habe eher die Linie der progressiven, schrittweisen Veränderung vertreten, indem neue Ideen in Form von Pilotprojekten innerhalb der bestehenden Strukturen ausgetestet werden und ein Fazit gezogen wird. In diesem Fall waren andere ungeduldiger als ich und haben eine radikale, weniger pragmatische Lösung vorgezogen. Bisher besteht das Resultat in einem riesigen theoretischen Konstrukt, in dem man sich nur schwer zurechtfindet.
Ich glaube ja. Wir betraten hier absolutes Neuland und mussten zunächst reproduzierbare und anwendbare Verfahren, Praktiken und Kriterien erarbeiten. Dies ist ein dynamischer, noch nicht abgeschlossener Prozess, da wir uns bisher nur mit der Fortbildung befasst haben. Ab dem nächsten Jahr werden wir beginnen, das Weiterbildungsangebot, das zum Erwerb des FPH-Titels führt, zu validieren. Damit öffnen wir ein neues Kapitel, können uns aber auf die Erfahrungen aus der Fortbildung stützen.
Mein Ziel ist nicht primär, unter allen Umständen und aus rein berufsständischen Interessen die Existenz der Offizinpharmazie zu sichern, sondern vielmehr zu erkennen, ob es eine Möglichkeit für die gesundheitspolitischen Ziele gibt, welche unser Berufsstand erfüllen kann und muss. Wir haben stets gesagt, dass sich die Öffentlichkeit hier einschalten und entscheiden muss, ob sie durch das Verschwinden der Offizinpharmazien etwas verlöre. Ich glaube, die Antwort ist durchgehend positiv gewesen, wenn ich an die Reaktion der Menschen denke, die zu uns zurückkehren, nachdem sie andere Vertriebskanäle ausprobiert haben, und sich vehement für den Erhalt ihrer «Apotheke an der Ecke» einsetzen. Unsere Berufsgruppe muss ihre Bemühungen um Verbesserung fortsetzen, damit allen, auch denjenigen, die nur selten kommen, klar wird, dass es im Gesundheitswesen ohne uns nicht geht. Dies schliesst eine Ausweitung der Netzwerke mit ein.
Ich bin keine Hellseherin, doch ich denke, dass infolge des steigenden wirtschaftlichen Drucks auch im Gesundheitsbereich jeder versucht ist, beim anderen etwas zu stibitzen, um seine Einkünfte zu sichern. Folglich wissen wir auch in der Westschweiz, dass sich die ungezügelte und illegale Selbstdispensation ausbreitet. Doch nur die Versicherer könnten dem ein Ende setzen, wenn der politische Wille vorhanden wäre. Ich verstehe die Sorgen unserer deutschschweizerischen Kollegen, aber andererseits besteht diese Situation seit eh und je. Die Apotheker können aber nicht konkret dagegen vorgehen, da die betroffenen Kantone trotz Art. 37 des KVG nicht bereit sind, Bundesrecht anzuwenden. Und ausserdem sind da noch die Drogisten, die sich nicht an alte Vereinbarungen halten und erneut für sich die Befugnisse für die Liste C fordern. Das ist bedauerlich, denn die Gesamtlage ist bereits sehr angespannt und schwierig. Der Staat hat erklärt, dass soziale und öffentliche Dienstleistungen auch im Rahmen des freien Marktes erbracht werden könnten. Niemand weiss genau, wie diese beiden Aspekte zu vereinbaren sind, das wird in anderen Sektoren deutlich, wie dem Postwesen oder dem Elektrizitätsmarkt. Daher glaube ich, dass Abstimmung und Zusammenarbeit zwischen den Akteuren des Gesundheitswesens noch dringender notwendig sind. Doch jeder beharrt auf seiner Meinung, will vermeintlich angestammte Rechte verteidigen; ich denke dabei sowohl an die Selbstdispensation als auch an die Effekthascherei von santésuisse in den Medien oder an die endlosen Wortgefechte bestimmter Politiker über die Lösungen.
Ich möchte mir kein Verdienst persönlich zuschreiben, denn der SAV leistet Teamarbeit. Unser grösster Erfolg war für mich die Festlegung einer Gesamtpolitik, um die uns unsere europäischen Kollegen beneiden: die pharmazeutischen Leistungen in den Mittelpunkt zu stellen, deutlich zu machen, warum sie einen Mehrwert, einen Gewinn bringen und sie zu vergüten. Inmitten eines tosenden Sturmes haben wir es geschafft, den richtigen Kurs zu halten, und dies ist das Verdienst eines gesamten Teams. Zu meinen Enttäuschungen zähle ich die Schwierigkeiten, bestimmte Kollegen davon zu überzeugen, dass es Veränderungen gibt und wir uns daran anpassen müssen. Einige greifen dem freien Markt voraus, indem sie sich übertrieben auf den kommerziellen Aspekt unserer Tätigkeit konzentrieren, andere versuchen die Entwicklung zu verzögern. Das gestaltet die Verteidigung unseres Berufsstands gegenüber den Partnern, den Entscheidungsträgern oder den Medien schwierig.
Während der Verleihung eines Spezialisierungsdiploms kam ein Apotheker zu mir und sagte: «Ich habe in diesen zwei Jahren nicht nur viel in meinem Beruf gelernt, sondern habe auch Menschen getroffen, die sich für ihren Beruf einsetzen. Du hast uns mit deiner Begeisterung angesteckt und dafür danke ich dir.» Solche Worte wie auch der Dank meiner Kollegen für mein Engagement in ihrer Sache machen mich stolz. Diese berufliche Anerkennung, die Freundschaften, die ich – trotz der Meinungsverschiedenheiten – geknüpft habe, sind sehr wichtig für mich.
Ich habe inzwischen auch einen Sitz im Stiftungsrat der Schweizerischen Patientenorganisation (SPO) und bin in deren Ausschuss tätig. Ich behalte meine Lehrtätigkeit im Rahmen der Weiterbildung zur Erlangung des FPH-Titels und in der Ausbildung für die Heimbetreuung. Ich scheide also weder völlig aus dem Berufsleben aus, noch ziehe ich mich aufs Land zurück… Aber Sie haben recht, die Berufspolitik fesselt mich immer noch genauso wie früher. Ich stehe also den Führungsgremien des SAV weiterhin zur Verfügung, wenn sie es wünschen. Doch ich mache mir keine Sorgen um meine Auslastung, denn ich könnte mich unter anderem mehr für meine Apothekengruppierung engagieren, die mir die Aufgabe als Administratorin der Intranet-Seite übertragen hat – ein ganz neues Aufgabenfeld für mich.
Diese Frage kann ich guten Gewissens mit Ja beantworten. Ich bin fest überzeugt, dass wir die Leistungen eines Offizinpharmazeuten in der Nähe der Bevölkerung brauchen, sowohl was die verschreibungspflichtigen Arzneimittel betrifft als auch die OTC-Produkte. Wir haben einen grundlegenden Paradigmenwechsel durchlebt: Uns wurde beigebracht, die ärztliche Verordnung als unfehlbar wie die Bibel oder Worte des Papstes zu betrachten. Dann hat man uns aufgefordert, sie äusserst kritisch zu prüfen, um die grundsätzlich enthaltenen Fehler zu identifizieren. Das hat ausserordentliche Konsequenzen auf die Ausbildung, sowohl im Hinblick auf die Kenntnisse als auch auf die Persönlichkeit: Man muss das wissenschaftliche Rüstzeug und den Mut haben, um einen anderen Standpunkt als der verordnende Arzt zu vertreten. Gleichzeitig darf man den Patienten nicht beunruhigen und muss sein Vertrauen in seinen Arzt erhalten. Daraus ergibt sich ein Partnerschaftsverhältnis, sei es mit den anderen Gesundheitsberufen, sei es mit den Patienten. Doch ich sehe noch Möglichkeiten, eventuell im Rahmen anderer Strukturen (z.B. innerhalb einer Apothekengruppierung), einen selbständigen Beruf auszuüben, der zwar anstrengend ist, aber eine hohe Befriedigung bringt, wenn man bereit ist, sich ihm voll und ganz zu widmen.
Diese Werte stehen nicht für starre Dogmen, sondern für eine moralische Pflicht. Es bedeutet, ganz bewusst zu entscheiden und zu handeln, wobei man durchaus die Umstände oder Interessen des Patienten berücksichtigen kann. Doch ich würde niemals aus finanziellen Interessen oder Gründen der Bequemlichkeit von diesen Werten abweichen.
Erlauben Sie mir zunächst festzustellen, dass ich nach wie vor dazugehöre und ich in diesem Moment kein sogenanntes politisches Testament ablege. Ich wünsche unserem Beruf daher, dass uns die erforderliche zeitliche und geistige Bereitschaft erhalten bleibt, um die Zufriedenheit zu erlangen, die der Beruf geben kann. Ich hoffe, dass wir weiterhin fähig sind, uns an die neuen Rahmenbedingungen anzupassen. Dass die verständliche Resignation nicht die Oberhand gewinnt über einen von den Medien verschmähten Berufsstand. Und schliesslich hoffe ich, dass die junge Generation von den Älteren mit der Leidenschaft für die Pharmazie angesteckt wird.
Interview: Markus Kamber
Quelle: Schweizer Apothekerzeitung, 25/2003, S. 986 - 990